Ein Roman über Pseudowissenschaft
und kritisches Denken
Ulli Gerer
Ware Hoffnung
Blog

Mustererkennung außer Kontrolle: Apophänie und Pareidolie

Mo, 31.07.2023

In meinem ersten Kinderzimmer war die Wand gegenüber meinem Bett mit einer Rennauto-Tapete beklebt. Wenn es dunkel wurde, erwachte die Tapete zum Leben, bekam Augen, Münder, teils gefährlich dreinblickende Fratzen. Über die bedrohlichsten Stellen habe ich dann selbstgemalte Bilder gehängt. Aber die Angst vor den Tapetenmonstern ging nicht weg.

Unsere frühen Vorfahren hatten einen evolutionären  Vorteil, wenn sie selbst dort Gefahren sahen, wo objektiv keine vorhanden waren. Vielleicht gab es auch Individuen, die etwas skeptischer waren und zunächst genau untersuchen wollten, ob der Schatten im Gebüsch ein Felsen oder ein Raubtier ist. Von denen stammen wir höchstwahrscheinlich nicht ab.

Unser Gehirn ist eine Bedeutungssuchmaschine. Ständig versuchen wir, Sinn und Zusammenhänge in all den sensorischen Eindrücken zu erkennen, die auf uns einprasseln. Das kann harmlos und schön sein, wie die nette Beschäftigung, im Gras liegend Figuren in Wolkenformationen zu erkennen. Aber eine übermotivierte Mustererkennung kann auch Ängste auslösen, Fehlentscheidungen triggern oder zur Entstehung von Verschwörungstheorien beitragen.

Der allgemeine Fachbegriff für das Phänomen, dort Muster zu erkennen, wo es keine oder nur zufällige Zusammenhänge gibt, ist Apophänie. Dabei geht es nicht nur um optische Eindrücke. Wir neigen dazu, etwa in Zahlenreihen bestimmte Muster zu suchen und zu erkennen oder völlig unzusammenhängende Ereignisse mit einer Bedeutung aufzuladen. Diesen Wahrnehmungen können wir uns nicht vollständig entziehen. Wissen wir aber darüber Bescheid, hilft uns das, die Ergebnisse besser zu bewerten und Zufall als solchen zu erkennen.

Die Pareidolie dagegen lässt sich sogar willentlich steuern. Wir können einen scheinbar unförmigen Fleck auf der Straße so lange anschauen, bis unsere Fantasie daraus ein Geschöpf entstehen lässt. Die Künstlerin krajamine (@krajamine@norden.social auf Mastodon) zeigt das eindrucksvoll in ihren Werken unter dem Hashtag #pareidoodle:

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Die unzuverlässige Wahrnehmung

So, 30.07.2023

Warum faszinieren uns Zauberkünstler, warum sind wir anfällig für Verschwörungstheorien, trauen den Sternen zu, unser Schicksal zu bestimmen, warum glauben wir, Zuckerkugeln seien Medizin, reden mit unsichtbaren, allmächtigen Fantasiewesen und Verstorbenen oder fallen auf Betrüger herein? Weil unser Gehirn so funktioniert, dass wir uns leicht täuschen lassen. Das kritische Denken ist eine Methode, die Auswirkungen dieser Täuschungen zu reduzieren und sie frühzeitig zu erkennen.

Ein wichtiger Aspekt des kritischen Denkens ist es, sich der Unzulänglichkeiten der eigenen (!) Wahrnehmung bewusst zu werden. Diese Unzulänglichkeiten gehen übrigens nicht weg, wenn man kritisches Denken trainiert. Aber es ist hilfreich, um damit besser umgehen zu können. Wir können nicht verhindern, getäuscht zu werden, aber wir können erkennen, wenn das passiert und uns so vor unerwünschten Konsequenzen schützen. Sich damit auseinanderzusetzen und die eigenen Grenzen immer besser kennen zu lernen, ist ein lebenslanger Prozess.

Das Ziel ist, sich einen kleinen inneren Supervisor heranzuzüchten, welcher das eigene Verhalten und den Umgang mit Sinneseindrücken überwacht und der im Zweifelsfall darauf hinweist, dass unser Gehirn gerade Dinge erfindet, die nichts mit der Realität zu tun haben.

Ein anschauliches Beispiel für diese Wahrnehmungsverzerrungen sind optische Täuschungen. Unser Sehapparat entspricht nicht einer Kamera, die optische Sinneseindrücke originalgetreu abbildet. Das  eher unzulänglich arbeitende Auge selbst ist schon nicht in der Lage, ein großflächiges, fehlerfreies Bild an das Gehirn zu senden. Die Ränder sind unscharf, in dem Bereich der Netzhaut, an dem das Sehnervenbündel ins Gehirn führt, fehlen Informationen, wir sehen vergleichsweise wenige Farben, die Auflösung ist gering und so werden nur optische Bildschnipsel an das Gehirn übermittelt, dort mit Erfahrungen, Erwartungen, Erinnerungen und anderen aktuellen Wahrnehmungen kombiniert und dann daraus ein Bild zusammengeklöppelt, das vielleicht teilweise der Realität entspricht.

Zu optischen Täuschungen gibt es viele prominente Beispiele. Dieses Bild zeigt, was unsere Wahrnehmung unter bestimmten Umständen aus völlig geraden und parallel verlaufenden Linien macht:

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