Ein Roman über Pseudowissenschaft
und kritisches Denken
Ulli Gerer
Ware Hoffnung
Podcast

Das Spiel mit dem Unmöglichen – Warum Menschen an das Perpetuum mobile glauben. TL;DR zu Folge WH05 „Spiel“

Do, 11.12.2025

In der fünften Folge von Ware Hoffnung tritt eine neue Figur auf: Angus McKenna. Anders als Sergio Masso ist er kein klassischer Blender mit wissenschaftlichem Anstrich, sondern vor allem eines – ein Spieler. Jemand, der den Nervenkitzel sucht und verstanden hat, dass sich mit der richtigen Geschichte mehr verdienen lässt als mit ehrlicher Arbeit.

Sein Projekt wirkt zunächst beeindruckend: eine Maschine, die sich scheinbar selbst antreibt. Keine komplizierten Formeln, keine schwer verständliche Theorie – nur ein Gerät, das läuft. Die Idee dahinter ist uralt: Ein Perpetuum mobile, also eine Maschine, die ohne Energiezufuhr ewig in Bewegung bleibt. Der Traum, Energie aus dem Nichts zu gewinnen, begleitet die Menschheit seit Jahrhunderten. Doch die Physik ist eindeutig: Energie kann nicht aus dem Nichts entstehen. Trotzdem tauchen solche Ideen immer wieder auf.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass selbst kluge Menschen darauf hereinfallen können. Im 18. Jahrhundert präsentierte Johann Bessler ein Rad, das sich angeblich dauerhaft selbst drehte. Es wurde vor Publikum vorgeführt, unter Aufsicht untersucht und sogar von Gelehrten ernst genommen. Niemand durfte jedoch ins Innere sehen. Der entscheidende Punkt ist dabei nicht die Technik, sondern die Inszenierung. Bessler verstand es, Vertrauen zu erzeugen – durch aufwendige Konstruktionen, durch Autoritäten, die ihn unterstützten, und durch das, was Menschen mit eigenen Augen zu sehen glaubten.

Genau dieses Prinzip nutzt auch McKenna. Seine Maschine muss nicht funktionieren. Sie muss überzeugend aussehen. Licht, Materialien, Bewegung – alles ist darauf ausgelegt, einen Eindruck zu erzeugen. Es ist kein technisches Gerät, sondern eine Bühne.

Warum funktioniert das so gut? Ein wichtiger Teil der Antwort liegt in unserer Wahrnehmung. Menschen neigen dazu, an dem festzuhalten, was sie einmal für möglich gehalten haben. Wer Zeit, Geld oder Energie in eine Idee investiert hat, gibt sie nur ungern wieder auf.

Hier greift ein bekannter Denkfehler: die Sunk-Cost-Fallacy. Je mehr investiert wurde, desto schwerer fällt es, einen Irrtum einzugestehen.

Dazu kommt der Bestätigungsfehler. Menschen suchen gezielt nach Informationen, die ihre Überzeugungen stützen, und blenden widersprüchliche Hinweise aus. In Foren, Videos und Communities verstärken sich solche Überzeugungen gegenseitig.

Ein weiterer Faktor ist die Selbstüberschätzung. Wer die Komplexität eines Problems unterschätzt, hält einfache Lösungen für plausibel – ein Effekt, der oft mit dem Dunning-Kruger-Phänomen beschrieben wird.

Diese Mechanismen erklären, warum sich der Traum vom Perpetuum mobile so hartnäckig hält.

Die Folge zeigt das auch an einem realen Beispiel: der Firma Steorn aus Irland. Sie behauptete, eine Technologie entwickelt zu haben, die mehr Energie erzeugt, als sie verbraucht. Es gab Vorführungen, Investoren, mediale Aufmerksamkeit – aber keinen überzeugenden Nachweis.

Am Ende blieb vor allem eines übrig: enttäuschte Erwartungen.

Für die Geschichte im Roman bedeutet das: McKenna verkauft keine Maschine. Er verkauft ein Gefühl. Die Vorstellung, dass das Unmögliche vielleicht doch möglich ist.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Das Perpetuum mobile widerspricht grundlegenden physikalischen Gesetzen.
  • Täuschungen funktionieren oft über Inszenierung, nicht über Technik.
  • Selbst kluge Menschen können durch überzeugende Vorführungen getäuscht werden.
  • Denkfehler wie Sunk-Cost-Fallacy und Bestätigungsfehler stabilisieren falsche Überzeugungen.
  • Hinter vielen solchen Projekten steht weniger Technik als ein Geschäftsmodell.

Die Folge zeigt, dass Täuschung selten mit einem offensichtlichen Trick beginnt. Sie entsteht dort, wo Hoffnung, Wahrnehmung und Erwartung zusammenkommen.

Wissenschaft oder Pseudowissenschaft? – Woran man falsche Versprechen erkennt. TL;DR zu Folge WH03 „Sturm“

Do, 27.11.2025

In der dritten Folge von Ware Hoffnung gerät Ricardo Torres an eine Grenze. Er sitzt seit Tagen über Dossiers, Marktanalysen und technischen Beschreibungen und versucht herauszufinden, welche der angebotenen Technologien echte Innovationen sind – und welche nur gut verpackte Versprechen.

Das Problem: Ricardo ist kein Wissenschaftler. Er hat Erfahrung, Intuition und einen scharfen Blick für Geschäftsmodelle, aber ihm fehlen klare Kriterien, um Wissenschaft von Pseudowissenschaft zu unterscheiden.

Genau darum geht es in dieser Folge und im gesamten Roman.

Wissenschaft funktioniert anders, als viele Menschen denken. Sie ist kein fertiges Gebäude aus Wahrheiten, sondern ein Prozess. Fragen werden gestellt, Hypothesen getestet, Experimente wiederholt – und Fehler gehören ausdrücklich dazu. Erkenntnis entsteht oft erst, nachdem viele Annahmen sich als falsch herausgestellt haben.

Der entscheidende Unterschied liegt im Umgang mit Irrtümern. Wissenschaft macht Fehler sichtbar, um daraus zu lernen. Pseudowissenschaft versucht, Fehler zu verstecken.

Statt offener Kritik und überprüfbarer Ergebnisse setzt sie auf ein anderes Mittel: das Kostüm der Wissenschaft. Fachbegriffe, Diagramme, Formeln und beeindruckende Präsentationen erzeugen den Eindruck von Seriosität, ohne dass eine echte Überprüfung möglich wäre.

Damit solche Täuschungen leichter erkennbar werden, gibt es typische Warnzeichen. Viele davon wurden bereits vor Jahrzehnten von Forschern wie Barry L. Beyerstein und Mario Bunge beschrieben – und sie tauchen bis heute immer wieder auf.

Einige der wichtigsten Merkmale sind:

  • Isolation: Kritik von außen wird abgewehrt, stattdessen spricht man von Verschwörungen des „Mainstreams“.
  • Unwiderlegbarkeit: Jede Beobachtung wird als Bestätigung der eigenen Theorie interpretiert.
  • Datenakrobatik: Einzelne Ausnahmen werden als Beweise präsentiert, widersprechende Daten ignoriert.
  • Stillstand: Behauptungen bleiben über Jahre unverändert, obwohl neue Erkenntnisse entstehen.
  • Wunderbare Versprechen: Lösungen ohne Nebenwirkungen, ohne Aufwand oder ohne physikalische Grenzen.
  • Unbelehrbarkeit: Kritik führt nicht zu neuen Daten, sondern zu neuen Ausreden.
  • Magisches Denken: Ursache und Wirkung werden verwechselt oder mystisch überhöht.
  • Finanzielle Motive: Der Weg zur „Erkenntnis“ führt direkt über ein Geschäftsmodell.

Wie solche Muster in der Praxis aussehen können, zeigt die Folge am Beispiel eines aktuellen Falls: Holcomb Energy Systems. Das Unternehmen behauptet, eine Maschine entwickelt zu haben, die Strom aus dem Nichts erzeugen kann – leise, sauber und ohne Energiequelle.

Auf der Website wirkt zunächst alles beeindruckend: professionelle Grafiken, Interviews, Patentnummern und große Versprechen. Doch bei genauerem Hinsehen fehlt die Substanz. Es gibt keine unabhängigen Tests, keinen überprüfbaren Prototyp und keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Stattdessen wird eine angeblich neue Energiequelle beschworen – der „Spin der Elektronen“. Physikalisch ergibt diese Erklärung keinen Sinn. Würde sie stimmen, müsste ein fundamentales Gesetz der Physik neu geschrieben werden: der Energieerhaltungssatz.

Der entscheidende Punkt ist jedoch nicht die technische Unmöglichkeit. Entscheidend ist das Geschäftsmodell. Die angebliche Technologie wird vor allem als Investitionschance verkauft – mit Lizenzen, Beteiligungen und Vertriebsrechten.

Die Energiequelle solcher Projekte ist deshalb selten eine physikalische Entdeckung.
Es ist die Hoffnung der Investoren.

Für Ricardo bedeutet das: Intuition allein reicht nicht. Wer verstehen will, ob eine Idee tragfähig ist, braucht Werkzeuge des kritischen Denkens – Kriterien, mit denen sich Behauptungen überprüfen lassen.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Wissenschaft ist ein Prozess, der aus Fehlern lernt.
  • Pseudowissenschaft imitiert das Aussehen von Wissenschaft, ohne ihre Methoden zu nutzen.
  • Typische Warnzeichen lassen sich in vielen Fällen wiederfinden.
  • Große Versprechen ohne überprüfbare Ergebnisse sind ein zentrales Alarmzeichen.
  • Hinter spektakulären Behauptungen steckt häufig ein Geschäftsmodell.

Die Folge zeigt damit einen wichtigen Schritt in der Geschichte: Ricardo erkennt, dass er mehr braucht als Erfahrung und Bauchgefühl. Wer echte Innovation von Illusion unterscheiden will, muss lernen, wie Wissenschaft tatsächlich funktioniert.

Die Sache mit dem Wasserauto

Mi, 26.07.2023

Einer der ersten Freie-Energie-Scams, die mir über den Weg gelaufen sind, war das Wasserauto. Das muss ca. 2003 gewesen sein. Zeitungen berichteten über einen Erfinder, der sein Auto nur mit Wasser betankt. Auto-Bild schickte sogar mehrmals Reporter nach Manila, um das Wunderwerk zu besichtigen, probezufahren und den Fortschritt der Entwicklung zu dokumentieren.

Die behauptete Funktionsweise eines Wasserautos sieht so aus:

Mit Hilfe der Batteriespannung wird ein Elektrolysator betrieben, der gewöhnliches Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufspaltet. Dieses Gemisch, in der Szene oft HHO oder Browns Gas genannt (in Wirklichkeit gewöhnliches Knallgas), wird dem Verbrennungsmotor als Treibstoff zugeführt. Über die Lichtmaschine wird die Batterie, genauer der Akkumulator, ständig aufgeladen.

Mir kamen die Behauptungen damals sofort sehr seltsam vor. Bei der Verbrennung des Knallgases entsteht Wasser. Also wäre es, glaubt man den Wassertoff-Tüftlern, doch kein Problem, dieses einzufangen und wieder in den Tank zu leiten. Schon hätten wir eine immerwährende Maschine, ein Perpetuum mobile, das ohne Zufuhr von Energie funktioniert und dabei auch noch Arbeit verrichten kann. Der Wirkungsgrad wäre also größer als 100%.

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