Ein Roman über Pseudowissenschaft
und kritisches Denken
Ulli Gerer
Ware Hoffnung
Podcast

WH25 Plan

Do, 30.04.2026

In dieser Folge steht Ricardo an einem Wendepunkt. Nach seinen Begegnungen mit fragwürdigen Energieprojekten wird ihm klar, dass er nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann. Zusammen mit Ragnar, Natalya und Marlen überlegt er, wie man solchen Täuschungen begegnen kann, ohne sich selbst angreifbar zu machen. Aus Ärger wird ein Plan.

Der reale Fall führt nach Österreich: Zur ASFINAG, zur Arlberg-Schnellstraße S16 und zu Gerhard Pirchl, der gefährliche Unfallstellen mit Pendel, Rätia-Steinen und „Gegenadern“ entschärfen wollte. Die Geschichte wirkt auf den ersten Blick skurril. Bei näherem Hinsehen zeigt sie aber, wie Pseudowissenschaft in Institutionen eindringen kann, wenn echte Probleme, Handlungsdruck, Fachsprache und der Satz „Schaden kann’s ja nicht“ zusammenkommen.

Außerdem geht es diesmal um Recherche als praktische Seite des angewandten Zweifels. Wie findet man alte Quellen? Was leisten archive.org, Google Books, Patentdatenbanken, Firmenregister und wissenschaftliche Literatur? Warum sind Primärquellen so wichtig? Und warum sind Zitatketten noch lange keine Beweisketten?

Zum Abschluss folgt der Fehlschluss der Woche: der Strohmann-Trugschluss. Denn wer eine Diskussion gewinnen will, sollte zuerst auf das antworten, was tatsächlich gesagt wurde.

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WH23 Kraftwerk

Do, 16.04.2026

Wie kann aus ernsthafter Wissenschaft Pseudowissenschaft werden, ohne dass jemand bewusst betrügt? Genau darum geht es in dieser Folge von Ware Hoffnung.

Wir beginnen mit einem fast vergessenes Kapitel der Wissenschaftsgeschichte: die N-Strahlen. 1903 verkündet der angesehene Physiker René Blondlot in Nancy die Entdeckung einer neuen Strahlung. Zahlreiche Forscher bestätigen den Befund, immer neue Eigenschaften werden beschrieben, und für kurze Zeit scheint eine große physikalische Sensation greifbar. Bis Zweifel wachsen und sich zeigt, dass hier etwas ganz anderes am Werk war als eine neue Naturkraft.

Was ist da im Labor eigentlich passiert? Welche Rolle spielten Wahrnehmung, Erwartung, Autorität und Gruppendynamik? Und warum war der Fall nicht nur ein Irrtum einzelner Beobachter, sondern auch ein Problem wissenschaftlicher Kultur?

Von dort führt der Weg zu einer Methode, die heute selbstverständlich wirkt und damals vieles hätte verhindern können: Verblindung. Was bedeutet einfachblind, doppelblind, dreifachblind? Warum ist das nicht nur in der Medizin wichtig, sondern auch bei der Prüfung paranormaler Behauptungen, etwa bei Wünschelruten? Und wie lässt sich dieses Prinzip ganz bodenständig in den Alltag übersetzen?

Eine Folge über akademische Selbsttäuschung, über den Erwartungseffekt und darüber, warum gute Wissenschaft nicht deshalb stark ist, weil Menschen unfehlbar wären, sondern weil sie gelernt hat, sich selbst nicht blind zu vertrauen.

Episodenbild: Vulvani, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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WH22 Lorna

Do, 09.04.2026

In dieser Folge von Ware Hoffnung führt der Weg nach Edinburgh. Im Romankapitel „Lorna“ erlebt Ricardo, wie eng technische Verheißung, Charme und Inszenierung zusammenwirken können. Aus einer scheinbar harmlosen Begegnung wird ein Lehrstück darüber, wie Vertrauen entsteht und wie daraus Zweifel wächst.

Danach geht es um einen realer Fall, der seit Jahrzehnten zwischen „Freier Energie“, Antigravitation und Erfinderlegende schwebt: John Searl und sein angeblicher Searl Effect Generator. Ich schaue mir an, wie diese Geschichte erzählt wird, warum sie so faszinierend wirkt und was von ihr übrig bleibt, wenn man sie an wissenschaftlichen Maßstäben misst.

Dabei geht es nicht nur um ein Wundergerät, sondern auch um ein verbreitetes Zerrbild von Wissenschaft. Ist sie wirklich engstirnig und lehrbuchhörig, wie es in pseudowissenschaftlichen Milieus gern heißt? Oder liegt ihre Stärke gerade darin, dass sie mit menschlicher Fehlbarkeit rechnet?

Zum Schluss geht es um einen Fehlschluss, der in solchen Fällen besonders oft vorkommt: Rosinenpickerei. Also die Kunst, aus echten Fragmenten ein falsches Gesamtbild zu bauen.

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Wenn Wissenschaft nur Kulisse ist – Wie Hal Puthoff Reputation verleiht. TL;DR zu Folge WH21 „Weltfrieden“

Do, 02.04.2026

Im Romankapitel „Weltfrieden“ trifft Ricardo in Edinburgh auf Angus McKenna und erlebt in nicht als schrillen Spinner, sondern als sympathischen, vernünftig wirkenden Unternehmer, der von sauberer Energie, einer besseren Zukunft und am Ende sogar vom Weltfrieden spricht. Die Warnsignale liegen diesmal nicht in offener Absurdität, sondern in einer perfekt präsentierten Vision, die Wissenschaft nicht angreift, sondern gezielt als Kulisse einbindet. Darum geht es in dieser Folge: wissenschaftsnahe Pseudowissenschaft. Sie arbeitet nicht gegen Wissenschaft, sondern bedient sich ihrer Sprache, ihrer Titelträger und ihres Ansehens, ohne sich wirklich ihren Regeln zu unterwerfen.

Das führt uns zu Hal Puthoff, einer Figur, die genau dieses Zwischenreich verkörpert. Puthoff ist kein Scharlatan und kein ahnungsloser Bastler. Er ist ausgebildeter Physiker und Ingenieur, hat seriös gearbeitet, publiziert und weiß genau, wie wissenschaftliche Verfahren aussehen müssen. Aber anstatt sich auf solide, begrenzte Forschungsfragen zu konzentrieren, zieht es ihn immer wieder zu den großen Sensationen: paranormale Kräfte, Uri Geller, Nullpunktenergie, wundersame Energiequellen. Er kennt die Regeln wissenschaftlicher Prüfung, wendet sie aber nur dort streng an, wo sie seinem Interesse nicht im Weg stehen.

Puthoff und Russell Targ nahmen am Stanford Research Institute ernsthaft an, paranormale Fähigkeiten untersuchen zu können, und ließen sich dabei von klassischen Bühnenillusionen täuschen. Der Punkt der Folge ist dabei nicht bloß, dass Wissenschaftler hereinfielen. Entscheidender ist, warum sie hereinfielen: Sie suchten keine Tricks, sondern Belege für das Außergewöhnliche. Wo ein Magier sofort an Manipulation denkt, sucht der gutwillige Forscher nach einem Effekt. Diese Haltung öffnet Pseudowissenschaft Türen, wenn sie auf Forscher trifft, die Bestätigung suchen.

Die Folge zeichnet Puthoff deshalb als epistemischen Verstärker. Er liefert nicht selbst die Wundergeräte oder die Raumenergie-Maschinen, aber er hält die Tür offen, damit solche Behauptungen als „vielleicht doch prüfenswert“ erscheinen. In der Stanley-Meyer-Doku etwa spricht er vernünftig über Prüfverfahren und darüber, wie man ein solches Gerät eigentlich testen müsste. Gleichzeitig schwärmt er aber von Nullpunktenergie als Zukunftslösung und verschiebt den großen Durchbruch einfach immer weiter nach hinten. Das ist typisch: Negative Ergebnisse führen bei ihm nicht dazu, eine Hypothese zu verwerfen, sondern nur dazu, noch mehr Forschung zu fordern oder gleich eine neue Physik zu verlangen.

Das führt zu einer Beschäftigung mit der wissenschaftliche Methode und zur Erklärung, dass Wissenschaft mit Beobachtung beginnt, dann Hypothesen formuliert, aus diesen Vorhersagen ableitet und sie so prüft, dass sie auch scheitern können. Popper kommt an dieser Stelle ins Spiel, weil Falsifizierbarkeit verhindert, dass man sich nur noch Bestätigung zusammensammelt. Hypothesen müssen Bedingungen nennen, unter denen sie aufgeben werden müssten. Dazu kommen Transparenz, Reproduzierbarkeit und die Möglichkeit, dass andere Teams unabhängig prüfen. Das alles dient dazu, Wunschdenken zu begrenzen.

Bei Puthoff kollidiert das mit seiner Praxis. Seine bevorzugten Konzepte, etwa „Zero Point Energy“, bleiben oft unscharf genug, dass sie sich kaum sauber falsifizieren lassen. Wenn Experimente scheitern, wird die Idee nicht kleiner, sondern die Wissenschaft angeblich zu eng. Damit kehrt sich der Prozess um. Nicht die Hypothese stirbt an der Realität, sondern die Realität wird so lange uminterpretiert, bis die Hypothese überlebt. Bei Hal Puthoff überleben auch kranke Hypothesen außergewöhnlich lange, weil ihre Umgebung passend gemacht wird.

Puthoff erscheint aber keineswegs als Betrüger. Eher wirkt er wie jemand, der sich selbst von der Sehnsucht nach dem großen Durchbruch antreiben lässt. Er will nicht den kleinen Fortschritt, die nüchterne Präzisierung, das begrenzte Resultat. Es muss die große Sensation sein, mindestens eine Revolution des Weltbildes. Das macht ihn für pseudowissenschaftliche Milieus besonders nützlich. Er verleiht extremen Behauptungen Reputation, weil er selbst an ihre Möglichkeit glauben will.


Fehlschluss der Woche: Verschobene Torpfosten

Der Fehlschluss dieser Folge sind die verschobenen Torpfosten. Eine Behauptung wird geprüft, die Prüfung fällt negativ aus, und statt das Ergebnis zu akzeptieren, werden nachträglich die Bedingungen geändert. Plötzlich ging es gar nicht um einen messbaren Energieüberschuss, sondern um eine besondere Energieform, um ein Prinzip, um eine theoretische Möglichkeit oder um noch nicht erfüllte Voraussetzungen.

Genau so bleibt Hoffnung erhalten, aber Erkenntnis geht verloren. Denn sobald die Bedingungen eines Tests im Nachhinein verändert werden, verliert das Ergebnis seinen Wert. In der Wissenschaft müssen Erfolgskriterien vorher feststehen. Sonst gewinnt am Ende nicht die bessere Erklärung, sondern nur die beweglichere.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Weltfrieden, saubere Energie und wissenschaftliche Reputation ergeben zusammen eine besonders wirksame Form wissenschaftsnaher Pseudowissenschaft.
  • Hal Puthoff ist kein klassischer Scharlatan, sondern ein glaubwürdiger Grenzgänger, der extremen Behauptungen wissenschaftlichen Anstrich verleiht.
  • Seine Offenheit für Sensationen geht mit einer selektiven Anwendung wissenschaftlicher Methoden einher.
  • Wissenschaft braucht Falsifizierbarkeit, Transparenz und die Bereitschaft, Hypothesen scheitern zu lassen.
  • Verschobene Torpfosten halten Hoffnungen am Leben, zerstören aber die Aussagekraft von Prüfungen.

Diese Folge zeigt, dass die gefährlichsten Grenzüberschreitungen oft nicht dort passieren, wo jemand offen gegen Wissenschaft arbeitet, sondern dort, wo wissenschaftliche Verfahren nur halb angewendet werden.

WH21 Weltfrieden

Do, 02.04.2026

Im Roman-Kapitel „Weltfrieden“ trifft Ricardo in Edinburgh auf Angus McKenna, einen charmanten Visionär mit einer Technologie, die angeblich Klimawandel und Ressourcenkriege beenden und vielleicht gleich den Weltfrieden bringen kann. Je länger das Gespräch dauert, desto klarer wird: Hier wird kein belastbares Gerät verkauft, sondern eine perfekte Geschichte.

Von dort aus führt diese Folge in ein besonders spannendes Grenzgebiet: wissenschaftsnahe Pseudowissenschaft. Im Zentrum steht Harold „Hal“ Puthoff, ein hervorragend ausgebildeter Elektrotechniker und Laserforscher, der sich immer wieder an die Ränder des wissenschaftlich Etablierten bewegt hat. Uri Geller, Remote Viewing, Zero Point Energy, Warp Drive: Puthoffs Themen haben fast immer das Format der großen Sensation.

Die Folge zeichnet nach, wie sich durch seine Laufbahn ein Muster zieht. Puthoff kennt die wissenschaftliche Methode, spricht ihre Sprache und benennt methodische Probleme oft völlig korrekt. Gleichzeitig zeigt sich immer wieder, dass seine stärksten Hoffnungen erstaunlich widerstandsfähig bleiben. Scheitern Konzepte, wankt selten die Leitidee. Bleibt ein Nachweis aus, wandert der Durchbruch in die Zukunft.

Anhand von Project Alpha, der BBC-Doku über Stanley Meyer und einem Ausflug in die wissenschaftliche Methode zeigt die Folge, warum hohe Fachkompetenz nicht automatisch vor Wunschdenken schützt. Am Ende geht es um eine einfache, aber folgenreiche Frage: Was passiert, wenn jemand wissenschaftlich denkt, aber seine Skepsis nicht konsequent gegen die eigenen Lieblingsideen richtet?

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Die nutzlose Jury – Wie Steorn Wissenschaft spielte. TL;DR zu Folge WH19 „Urteil“

Do, 19.03.2026

Folge 19 führt uns noch einmal zurück zu Steorn, diesmal geht es um die angebliche wissenschaftliche Prüfung mit tiefen Einblicken in die Expertenjury, die den behaupteten Energieüberschuss des Magnetmotors untersuchen sollte. Die Ausgangslage: Eine Firma kündigt eine revolutionäre Technologie an, stellt eine hochkarätige Jury zusammen und erzeugt damit den Eindruck maximaler Transparenz und Seriosität. Dieser Eindruck zerfällt dann Stück für Stück.

Auch im Roman geht es um die Geschichte der Jury, hier bei Angus McKenna und seiner Firma Stiúir. Das Romankapitel ist nah an der realen Vorlage gehalten und begleitet Dr. Arthur Butterfield nach Edinburgh.

Die fiktionale ebenso wie die echte Jury bekam nie das, was sie eigentlich prüfen sollte. Statt eines funktionierenden Geräts wurden immer neue Verzögerungen, Ausreden und Ersatzvorführungen präsentiert. Ein angekündigter Motor kam nicht rechtzeitig an, andere Apparaturen liefen nicht, Termine platzten, und statt klarer Messungen wurde den Fachleuten schließlich ein improvisierter Versuchsaufbau mit angeblich interessanten magnetischen Effekten gezeigt. Auch dort lagen die Messwerte laut Jury unterhalb des experimentellen Rauschens. Der behauptete Überschuss wurde nie nachgewiesen. Damit wird aus der Jury statt einer Prüfinstanz ein Dekorationselement für Glaubwürdigkeit.

Der Obmann der Steorn-Jury, Dr. Ian MacDonald, erzählt von seinen Erinnerungen. Dabei entsteht ein Bild, das weit mehr erklärt als nur die technische Seite. Die Jury bestand aus qualifizierten Leuten mit sehr unterschiedlichen Haltungen: einige lehnten die Idee von Anfang an ab, andere waren offen, manche sogar überzeugt. Diese Mischung zeigt, dass außergewöhnliche Behauptungen bei Fachleuten nicht automatisch zu scharfer Ablehnung führen. Viele wollten erst einmal verstehen, was da vor ihnen liegt. Sie gingen also nicht auf Betrugssuche, sondern suchten nach einer technischen oder physikalischen Erklärung. Das ist wissenschaftlich ehrenhaft, macht aber auch anfällig für Zeitspiel, Nebelkerzen und Inszenierung.

Es entsteht der Eindruck, dass Steorn die Jury nie als Kontrollinstanz eingeplant hatte. Wäre es um echte Prüfung gegangen, hätte man der Jury ein Gerät gegeben, das funktioniert oder eben scheitert. Stattdessen wurden die Mitglieder hingehalten, bewirtet, herumgeführt und mit immer neuen Ankündigungen vertröstet. Selbst die berühmte Kinetica-Demonstration in London, die öffentlich als großer Moment angekündigt wurde, lief völlig an der Jury vorbei. Das ergibt nur dann Sinn, wenn die Jury vor allem als wissenschaftliche Kulisse dienen sollte.

Psychologisch interessant ist neben Sean McCarthys Verhalten auch, wie ein ganzes Team so lange mitziehen konnte, ohne dass etwas nach außen drang. Daraus entwickelt sich der zweite Schwerpunkt: Team Error. Gemeint ist kein einzelner Fehlschluss, sondern ein ganzes System sozialer und organisatorischer Fehlentwicklungen. In Teams können sich Irrtümer stabilisieren, statt korrigiert zu werden. Kompetenz auf einem Gebiet strahlt auf andere Bereiche aus, Autoritäten werden nicht hinterfragt, Harmonie wird wichtiger als Widerspruch, Verantwortung zerfließt im Kollektiv. Im Fall Steorn könnte genau das passiert sein: Sean McCarthy als charismatische Lichtgestalt, Beschäftigte und Beteiligte im gemeinsamen Hoffnungsmodus, niemand, der den entscheidenden Bruch vollzieht und sagt, dass hier vielleicht gar kein reales Gerät existiert.

Die Folge zeigt, dass angewandter Zweifel mehr braucht als nur Faktenprüfung. Wenn eine Gruppe gemeinsam hoffen will, wenn Hierarchien funktionieren und wenn Widerspruch sozial teuer ist, dann reichen einzelne richtige Einwände oft nicht aus. Dann braucht es Strukturen, die Zweifel ausdrücklich erlauben, Widerspruch belohnen und Verantwortlichkeiten klar machen. Sonst kann ein ganzes Team einen kollektiven Irrtum für Realität halten.


Fehlschluss der Woche: Team Error

Heut gibt es mehr als einen einzelnen klassischen Fehlschluss, nämlich ein Bündel gruppendynamischer Fehlmechanismen. Dazu gehören Halo-Effekt, Autoritätshörigkeit, Groupthink, Verantwortungsdiffusion und ähnliche Muster. Gemeinsam erzeugen sie eine Situation, in der Teams Fehler nicht mehr korrigieren, sondern verstärken. Das ist besonders gefährlich, weil der kollektive Irrtum dann wie zusätzliche Bestätigung wirkt. Wenn viele mitmachen, fühlt sich die Sache plausibler an, selbst wenn die Belege fehlen.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Die Steorn-Jury bekam nie ein funktionierendes Gerät zur Prüfung.
  • Die Jury diente vor allem als Kulisse für wissenschaftliche Glaubwürdigkeit.
  • Fachleute suchen oft zuerst nach einer plausiblen Erklärung, nicht nach Täuschung.
  • In Teams können Irrtümer durch Hierarchie, Harmonie und diffuse Verantwortung stabil werden.
  • Angewandter Zweifel muss deshalb auch Gruppenprozesse prüfen, nicht nur Behauptungen.

Diese Folge zeigt, wie Wissenschaftlichkeit imitiert werden kann, ohne dass Wissenschaft tatsächlich stattfinden darf. Das Scheitern liegt dann nicht nur im Gerät, sondern im ganzen Arrangement.

WH19 Urteil

Do, 19.03.2026

2006 schaltet die irische Firma Steorn eine Anzeige im Magazin The Economist. Die Behauptung: Eine neue Technologie könne Energie ohne Ende erzeugen. Um Zweifel auszuräumen, lädt das Unternehmen eine internationale Jury aus Wissenschaftlern und Ingenieuren ein, die das System unabhängig prüfen soll. In dieser Folge geht es um genau diese Jury.

Am Anfang steht ein kurzer Blick in das Kapitel „Urteil“ aus dem Roman Ware Hoffnung. Dort begleitet der Leser eine Gruppe von Experten nach Edinburgh, die prüfen sollen, ob an der spektakulären Behauptung etwas dran ist.

Anschließend rückt die reale Geschichte in den Mittelpunkt. Ich stelle Dr. Ian MacDonald vor, den Vorsitzenden der tatsächlichen Steorn-Jury. Nach Ablauf der Geheimhaltungsfrist sprach er erstmals ausführlicher über die Arbeit der Kommission. Seine Antworten geben einen seltenen Einblick in den Ablauf der Evaluation: Was der Jury tatsächlich gezeigt wurde, welche Versprechen gemacht wurden – und warum die Prüfung schließlich in einem einzigen knappen Satz endete.

Dabei zeigt sich ein Muster, das auch ohne tiefes technisches Wissen erkennbar ist. Versprechen, Verzögerungen, Demonstrationen, die nie wirklich überzeugen, und ein Projekt, das trotzdem immer weiterläuft.

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Die Wunderbatterie von #DoNotSayTheirName – Wie man einen Technologie-Hype zerlegt. TL;DR zu Folge WH18 „Kompetenz“

Do, 12.03.2026

In dieser Folge geht es um ein Grundprinzip das angewandten Zweifels: Wie weit kommt man mit kluger Beobachtung, wenn man die zugrunde liegende Technik gar nicht im Detail versteht? Das wird hier als Live-Debunking durchgespielt. Im Hintergrund steht im Roman Ware Hoffnung Ricardo Torres, der sich von Ragnar und Mike erklären lässt, dass man widersprüchliche Behauptungen nicht immer sofort technisch entscheiden kann, dass aber oft schon ein Blick auf Methodik, Kommunikation und Inszenierung genügt, um Wahrscheinlichkeiten einzuordnen. Daraus macht die Folge dann ein praktisches Detektivspiel.

Der reale Fall dreht sich um eine Firma, die eine Batterie mit geradezu märchenhaften Eigenschaften angekündigt hat. Die behaupteten Leistungsdaten wären, wenn sie stimmen würden, eine Revolution für die Elektromobilität und für den gesamten Energiemarkt. Deshalb verzichtet die Folge bewusst darauf, die technischen Details ausführlich zu diskutieren. Solche Zahlen sind zunächst nur Behauptungen. Interessanter ist die Frage, welche Spuren eine echte Sensation in der Realität hinterlassen müsste und ob diese Spuren überhaupt zu finden sind.

Die Recherche beginnt deshalb nicht bei der Zellchemie, sondern ganz prosaisch bei Kontaktangaben, Firmenregistern, Adressen und Patenten. Die Firma ist schwer greifbar, die genannten Standorte wirken eher wie angemietete Briefkasten- oder Bürodienstleistungsadressen als wie Orte echter Entwicklung. In wissenschaftlichen Datenbanken finden sich keine belastbaren Spuren längerer Forschung, in Patentdatenbanken ebenfalls nichts, was auf jahrelange Batterieforschung mit einem derart spektakulären Ergebnis hindeuten würde. Auch das veröffentlichte Testmaterial liefert keine unabhängige Bestätigung, sondern nur einen Rahmen, den die Firma selbst vorgegeben hat. Was man sieht, ist also vor allem die kontrollierte Außendarstellung der Behauptung, nicht ihre belastbare Überprüfung.

Bei großen Technologieversprechen sollte man nicht immer zuerst fragen, ob das technisch irgendwie denkbar wäre. Wichtiger ist oft, sich anzuschauen, wie sich die Akteure verhalten würden, wenn sie das behauptete Produkt tatsächlich hätten. Eine funktionierende Wunderbatterie mit auch nur halbwegs realistischen Eigenschaften müsste nicht durch aggressive Selbstdramatisierung, Timer-Websites, Kritikerlisten oder peinlich aufgeladene Gegenöffentlichkeit in den Markt gedrückt werden. Ein paar belastbare Demonstrationen, saubere Patente, nachprüfbare Tests und diskrete Gespräche mit Industriepartnern würden genügen, um den Markt in Bewegung zu setzen. Dass stattdessen eine Show aufgebaut wird, spricht weniger für ein Produkt als für ein anderes Geschäftsmodell: Aufmerksamkeit, Hoffnung, Investitionsfantasie und Spekulation.

Die Folge zieht hier eine Linie zu früheren Fällen wie Steorn oder Theranos. Auch dort war der Hype nicht bloß Begleitmusik, sondern Teil des eigentlichen Produkts. Die Ware ist dann eben nicht die Batterie, die Maschine oder die Diagnoseplattform, sondern die Hoffnung, dass man gerade sehr früh bei einer weltverändernden Sache dabei ist. Das ist wirtschaftlich oft völlig ausreichend. Denn selbst wenn es am Ende kein marktreifes Produkt gibt, können Fördergelder, Anschlussfinanzierungen, Börsenfantasien und strategische Wetten bereits vorher enorme Werte bewegen. Gerade weil kein klassischer Endkundenbetrug vorliegen muss, wird das Ganze so schwer greifbar. Es kann sich wie ein seriöses Hochrisikogeschäft darstellen und zugleich vollständig auf einem antifaktischen Versprechen beruhen.

Dazu kommt der Gedanke, dass die Übertreibung hier eine Funktion haben könnte. Extrem absurde Leistungsdaten sortieren seriöse Fachleute womöglich sogar gezielt aus. Wer noch halbwegs physikalisch denkt, steigt früh aus. Übrig bleiben zwei Gruppen: echte Gläubige und Opportunisten. Die einen wollen an die große technologische Erlösung glauben, die anderen wollen rechtzeitig auf den Hype aufspringen und wieder aussteigen. Für beide Gruppen ist das reale Produkt zweitrangig. Das erklärt, warum die Kommunikation eher religiös und identitär wirkt als technisch. Aus einer Batteriefrage wird ein Kampf zwischen Gläubigen und Ungläubigen.

Man muss keine Batterieexpertin und kein Batterieexperte sein, um die Struktur einer solchen Inszenierung zu erkennen. Es genügt oft, Kommunikation, Außendarstellung, Reaktion auf Kritik, Spuren echter Entwicklung und wirtschaftliche Logik zusammenzudenken. Das ersetzt keine Laborprüfung, aber es liefert eine sehr brauchbare Wahrscheinlichkeitseinschätzung. Und genau das ist ja das Ziel des angewandten Zweifels.


Analogie der Woche: Russells Teekanne

Statt eines Fehlschlusses gibt es am Ende eine Analogie, die perfekt zur Folge passt: Russells Teekanne. Bertrand Russell beschreibt damit eine winzige Porzellanteekanne, die zwischen Erde und Mars um die Sonne kreisen soll, aber so klein ist, dass niemand sie entdecken kann. Dass sich diese Behauptung nicht widerlegen lässt, macht sie natürlich nicht glaubwürdig. Die Beweislast liegt bei der Person, die sie aufstellt. Genauso verhält es sich mit der Wunderbatterie. Solange nur Behauptungen im Raum stehen, gibt es keinen Grund, sie inhaltlich ernsthaft zu verhandeln. Ernsthaft diskutiert werden sollte höchstens die Strategie, mit der aus dieser unbelegten Behauptung ein öffentlicher Hype gemacht wird.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Große technische Versprechen lassen sich oft schon ohne Spezialwissen strukturell einordnen.
  • Fehlende Firmenhistorie, fehlende Forschungsspuren und kontrollierte Testbedingungen sind starke Warnsignale.
  • Ein reales Produkt dieser Größenordnung bräuchte weniger Show und mehr belastbare Demonstration.
  • Hype kann selbst das Geschäftsmodell sein, auch ohne marktreife Technologie.
  • Angewandter Zweifel heißt hier, das Spiel der Anbieter nicht mitzuspielen und die Ebene zu wechseln.

Diese Folge zeigt, dass Kompetenz nicht immer bedeutet, die Chemie einer Batterie bis ins Letzte zu verstehen. Oft reicht es, Wahrscheinlichkeiten sauber zu lesen – und zu erkennen, wann eine Sensation vor allem als Kulisse dient.

WH18 Kompetenz

Do, 12.03.2026  >   1 Kommentar

Was braucht man, um spektakuläre Technologieversprechen beurteilen zu können? Ein Physikstudium? Ein eigenes Labor? Oder reicht gesunder Zweifel?

Heute werfen wir gemeinsam einen Blick auf eine angebliche Wunderbatterie. Sie soll Elektroautos revolutionieren, extrem langlebig sein und die gesamte Branche auf den Kopf stellen. Die Ankündigungen klingen beeindruckend. Doch statt sie einfach zu glauben oder reflexhaft abzulehnen, machen wir etwas anderes: Wir untersuchen sie wie ein Detektiv.

Schritt für Schritt sammeln wir Indizien. Wo sitzt das Unternehmen eigentlich? Wer arbeitet dort? Welche unabhängigen Belege gibt es? Was zeigen die angekündigten Tests wirklich?

Dabei entsteht ein Live-Debunking zum selbst mitdenken. Jedes einzelne Indiz lässt sich erklären oder relativieren. Doch in der Summe entsteht ein Bild, das deutlich aussagekräftiger ist als jede einzelne Behauptung.

Episodenbild: Cullen328, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

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Erich von Däniken und die Macht der Lücke – Warum gute Geschichten oft stärker wirken als Forschung. TL;DR zu Folge WH17 „Überzeugung“

Do, 05.03.2026

Folge 17 kreist um ein Thema, das weit über schiefe Außenseiterfiguren hinausgeht: Überzeugung. Im Hintergrund steht im Roman Matthias Huber, der sich als Teil einer Wahrheitsbewegung erlebt, Chemtrails dokumentiert und an einem Wunderkraftwerk festhält, obwohl daran nichts funktioniert. Er erscheint nicht als exotischer Einzelfall, sondern als zugespitzte Version eines sehr menschlichen Musters: der Wunsch nach Klarheit, Zugehörigkeit, Bedeutung und dem Gefühl, über ein besonderes Wissen zu verfügen.

Von dort führt die Folge zu Erich von Däniken, der dieses Bedürfnis über Jahrzehnte bedient hat wie kaum ein anderer. Seine Prä-Astronautik erzählt die Vergangenheit als großes Geheimnis neu: Götter werden zu Außerirdischen, alte Texte zu Raumfahrtberichten, Bauwerke zu Spuren fremder Besucher. Die Attraktivität dieser Erzählung liegt nicht nur in ihrer Exotik. Sie liefert Staunen, Wiederverzauberung der Welt und das Gefühl, hinter die offizielle Fassade blicken zu können. Wer sich darauf einlässt, gehört zur wissenden Minderheit und darf glauben, dass die etablierte Wissenschaft blind für das Offensichtliche ist.

Weiterhin zeigt die Folge, dass von Däniken gerade keine Forschung betrieb. Während wissenschaftliche Arbeit mit Beobachtung, Datensammlung, Hypothesenbildung, Prüfung und Widerlegbarkeit beginnt, funktioniert seine Methode umgekehrt. Er nimmt einzelne Bilder, Texte oder Bauwerke, baut daraus Szenarien mit Formulierungen wie „Stellen wir uns vor“ oder „Nehmen wir an“ und erzeugt so eine Erzählung, die plausibel klingt, ohne methodisch belastbar zu sein. Wenn Einwände kamen, zog er sich oft zurück und behauptete, nichts fest behauptet zu haben. Es könne ja nur so gewesen sein. So bleibt die Geschichte beweglich und schwer angreifbar.

Besonders aufschlussreich ist dabei die Analyse seiner rhetorischen Technik. Von Däniken häufte Indizien an, sprang schnell von Bild zu Bild, verband historische Orte, religiöse Texte, große Namen und astronomische Begriffe zu einem dichten Gesamtgefühl. Jede einzelne Behauptung wäre für sich genommen oft schwach oder leicht überprüfbar. In der Masse entsteht jedoch ein Sog. Das Publikum bekommt nicht einen Beweis, sondern ein Weltbild angeboten. Und dieses Weltbild wirkt umso stärker, weil es eine vertraute Struktur hat: Es ist im Kern moderne Mythologie mit Raumfahrtsymbolik.

Damit folgt die Prä-Astronautik dem Muster des „Gottes der Lücke“. Wo Wissen fehlt oder historische Prozesse kompliziert erscheinen, wird die Lücke mit einer bevorzugten Erklärung gefüllt. Früher war es Gott, hier sind es Außerirdische. Die Frage, ob damit wirklich etwas erklärt wird, tritt in den Hintergrund. Wichtig ist nur, dass die Leerstelle verschwindet und das Bedürfnis nach Ordnung befriedigt wird. Auf diese Weise werden ungelöste Fragen nicht offen gehalten, sondern sofort mythisch besetzt.

Ein weiterer Gedanke der Folge ist die Frage, warum Wissenschaft solchen Erzählungen oft so wenig entgegensetzen kann. Der Grund liegt nicht in Schwäche oder Gleichgültigkeit, sondern in der Asymmetrie des Aufwands. Eine spektakuläre Behauptung ist schnell aufgestellt. Ihre saubere Widerlegung braucht Zeit, Fachwissen und Quellenarbeit. Dazu kommt, dass nüchterne Korrekturen selten dieselbe Aufmerksamkeit bekommen wie sensationelle Geschichten. Wer widerspricht, verstärkt oft noch die Sichtbarkeit der ursprünglichen Behauptung. Schweigen wiederum wirkt wie Zustimmung. Dadurch können pseudowissenschaftliche Narrative lange überleben.

Am Ende führt die Folge wieder zu einer konstruktiven Frage zurück: Wie kann kritisches Denken emotional konkurrenzfähig werden? Wenn Mythen mit Staunen, Zugehörigkeit, Exklusivität und Spannung arbeiten, dann reicht es nicht, nur trockene Fakten dagegenzustellen. Die Alternative müsste dieselben menschlichen Bedürfnisse aufgreifen, aber in eine andere Richtung lenken: als gemeinsame Spurensuche, als Detektivgeschichte, als spielerisches Prüfen statt bloßes Belehren. Kritisches Denken wäre dann kein kalter Gegenentwurf zum Mythos, sondern selbst eine Form spannender Welterkundung.


Fehlschluss der Woche: Argumentum ad ignorantiam

Der Fehlschluss der Folge heißt Argumentum ad ignorantiam, also das Argument aus Unwissenheit. Gemeint ist das Muster, eine Behauptung für wahr zu halten, weil sie nicht widerlegt wurde, oder eine andere Erklärung nur deshalb abzulehnen, weil sie noch unvollständig ist. Eine Lücke im Wissen wird dabei direkt mit einer beliebigen Wunsch-Erklärung gefüllt. Genau das passiert bei von Däniken ständig: Wenn unklar ist, wie etwas im Altertum entstanden ist oder wenn eine Erklärung kompliziert erscheint, treten sofort Außerirdische auf den Plan. Die offene Frage wird damit nicht beantwortet, sondern nur erzählerisch besetzt.


Die wichtigsten Punkte der Folge

  • Überzeugung entsteht oft aus dem Bedürfnis nach Klarheit, Bedeutung und Zugehörigkeit.
  • Erich von Däniken liefert keine Forschung, sondern eine wissenschaftlich klingende Mythenerzählung.
  • Prä-Astronautik funktioniert über Lückenfüllung, Inszenierung und das Gefühl exklusiven Geheimwissens.
  • Wissenschaftliche Widerlegung ist aufwendig und medial meist schwächer als die Sensation.
  • Kritisches Denken muss attraktiver, spielerischer und emotional anschlussfähiger werden, wenn es mit solchen Erzählungen konkurrieren soll.

Diese Folge zeigt, dass Pseudowissenschaft selten nur aus falschen Behauptungen besteht. Meist liefert sie etwas, das Menschen dringend haben wollen: Orientierung, Staunen und eine Geschichte, in der alles zusammenpasst.