Ein Roman über Pseudowissenschaft
und kritisches Denken
Ulli Gerer
Ware Hoffnung
Blog

Esoterik für Männer: Der Magnetmotor

Sa, 05.08.2023

An meine ersten Experimente mit Magneten kann ich mich noch gut erinnern. Mein Vater brachte mir diese schwarzen Magnetstreifen mit, die in Kühlschranktüren verbaut sind. Je nachdem, wie man sie hält, ziehen sie sich an oder stoßen sich ab. Diese Kräfte sollten sich doch irgendwie nutzen lassen und so versuchte ich, Magnetstücke kreisförmig auf einer Scheibe anzuordnen und in eine Drehbewegung zu versetzen.

Das funktionierte natürlich nur so lange, wie ich einen weiteren Magneten am Rand der Scheibe bewegte. Eine völlig selbsttätige Bewegung war so nicht zu erreichen, wie ich bald feststellte.

Diese Erkenntnis hatten viele erwachsene Menschen bis heute nicht und so ist diese Konstruktion immer noch ein beliebtes Geschäftsmodell, um Leute mit mehr Geld als Hirn von ihrem Ersparten zu trennen.

Die ersten Aufzeichungen über eine derartige Konstruktion stammen aus dem Jahr 1269 von Petrus Peregrinus de Maricourt, der ein Rad beschrieb, das sich nur durch die Kraft von Permanentmagneten dauerhaft drehen sollte. Möglicherweise war das einfach nur ein Gedankenexperiment, das aber bis heute in Freie-Energie-Kreisen als Beweis gewertet wird, dass ein magnetbasiertes Perpetuum mobile funktionieren kann. Magnetismus ist, ebenso wie Gravitation, eine konservative Kraft. Es ist also nicht möglich, aus einem solchen Feld dauerhaft Energie zu ziehen.

In jüngerer Zeit gab es zwei Magnetmotor-Anbieter, die für einige Aufmerksamkeit gesorgt haben. Der Südafrikaner Mike Brady versuchte ab ca. 2004 von München aus, einen selbstgebauten Motor zu verkaufen und es gelang ihm, dafür von mehreren Interessenten Anzahlungen zu kassieren. Natürlich konnte er niemals ein fertiges Gerät liefern, was zu Anzeigen und schließlich zu einer Verurteilung wegen Betruges führte.

Deutlich geschickter stellte sich eine irische Firma an. Ihr Magnetmotor wurde niemals zum Kauf angeboten. Eine groß angelegte Werbeaktion im Jahr 2006 führte jedoch zur Einwerbung von mehreren Millionen Risikokapital. Die Betreiber der Firma wurden durch diese Aktion allerdings nicht wirklich reich, denn den Einnahmen standen hohe Kosten für den Betrieb der Firma entgegen. Letztendlich kann ich nicht ausschließen, dass es sich hier überhaupt nicht um eine Betrugsabsicht, sondern um Selbsttäuschung und Selbstüberschätzung gehandelt hat. Steorn, so der Name der Firma, wurde Jahre später, in denen nie ein funktionierendes Produkt vorgestellt werden konnte, liquidiert.

Natürlich gab es eine Menge Nachahmer, und die haben gelernt, wie sie sich vor Strafe schützen können. Entweder werden auch hier nur Investitionen eingeworben oder man verkauft Vertriebslizenzen, welche den Lizenznehmern das Recht für ein bestimmtes Gebiet einräumen, die Erfindung zu vermarkten, sollte sie denn jemals fertiggestellt werden. Es wird also die Hoffnung auf das große Geld verkauft.

 

 

 

Auszug aus Ware Hoffnung, Kapitel 5 „Spiel“

McKenna griff sich einen freien Bürostuhl, rollte ihn an den Arbeitsplatz seiner Konstrukteurin Ayleen Montgomery, drehte ihn mit dem Rückenteil nach vorne, schwang sich, die Beine seitlich abgespreizt, auf die bewegliche Sitzfläche und verschränkte die Arme auf der ergonomisch geformten Lehne.

»Und, wie weit bist du?«, fragte er mit sichtlich neugierigem Blick.

Auf Ayleens Bildschirm drehte sich ein beeindruckend wirkendes, hell erleuchtetes, gläsernes Gebilde. Der Rechner arbeitete mit deutlich hörbarem Lüfterrauschen auf Hochtouren, um Licht und Schatten der 3D-Darstellung in Echtzeit zu simulieren.

McKenna genoss den Anblick für einen Moment und hauchte dann: »Sieht cool aus, wirklich. So machen wir das.«

Ayleen erwies sich als Glücksgriff. Die Maschinenbaufirma, in der sie vorher gearbeitet hatte, musste Konkurs und Gläubigerschutz anmelden und so bewarb sie sich genau zum richtigen Zeitpunkt bei Stiùir. Sie verfügte über ein enormes technisches Verständnis und hatte einen hervorragenden Blick für Ästhetik. Damit war sie in der Lage, aus McKennas Skizzen produktionsreife Konstruktionspläne und -dateien anzufertigen, die außerdem noch durch gefällige Proportionen und raffinierte mechanische Details zu beeindrucken wussten.

In diesem Fall handelte es sich um eine zwölfeckige, drehbare Plexiglasscheibe, nicht wesentlich größer als eine CD, mit radial angeordneten, aber unregelmäßig verteilten Magneten an allen Kanten. Im Schwerpunkt angebrachte dünne Nadeln dienten als reibungsarme Lager. Eine massive, von unten farbig durchleuchtete Acrylplatte gab der ganzen Konstruktion einen sicheren Stand.

Das war natürlich nichts anderes als eine stilvoll gestaltete Variante des altbekannten Perpetuum mobiles, wie es in ähnlicher Form, wenn auch ohne Magnete, bereits im Jahre 1712 vom sächsischen Uhrmacher Johann Bessler erbaut worden war. Einigermaßen kundigen Menschen musste sofort klar sein, dass diese Apparatur nichts anderes konnte als hübsch auszusehen.

 

 

Links:

Wikipedia: Magnetmotor

Wikipedia: Petrus Peregrinus de Maricourt

Merkur.de: Er läuft, und läuft, und läuft

Focus, Odenwalds Universum: Gibt es freie Energie?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert