Ein Roman über Pseudowissenschaft
und kritisches Denken
Ulli Gerer
Ware Hoffnung
Blog

Akademische Selbsttäuschung – N-Strahlen

Di, 09.01.2024

Vor einigen Jahren hatte ich mit einem wiederkehrenden Tiefton-Tinnitus zu kämpfen. Es klang, als stünde ein LKW mit laufendem Motor vor dem Fenster. Auf der Suche nach der Ursache habe ich die gesamte Umgebung abgesucht, um die Quelle des Geräuschs zu finden. Um es besser eingrenzen zu können, begann ich, verschiedene Schallmessungen durchzuführen, etwa mit einem Oszilloskop und mit einem Spektrum-Analyzer. Und tatsächlich, bei ca. 80 Hz war ein verdächtiges Signal zu erkennen. Dieses versuchte ich mit meinem Höreindruck abzugleichen, dessen Frequenz ich in eben diesem Bereich ermittelt hatte.

Erst viel später habe ich gelernt, dass das Geräusch im Innenohr entsteht. Woher kamen also die Messergebnisse? Ich habe sie einfach großzügig interpretiert und Artefakte oder atmosphärische Störungen für gültige Messwerte gehalten. Die Hoffnung, endlich die Ursache zu finden, hat meine sonst recht gut ausgeprägte Skepsis getrübt.

Eine ähnliche, aber deutlich weitreichendere Geschichte spielte sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich ab. Der Physiker René Blondlot, Direktor des Physikalischen Instituts der Universität Nancy, experimentierte mit einem glühenden Draht in einem Eisenrohr und hoffte so, die Polarität von Röntgenstrahlen nachweisen zu können.

Dabei glaubte er eine Beobachtung zu machen: Schwache Lichtquellen, die vom Strahl seiner Vorrichtung getroffen wurden, schienen ihre Intensität zu verändern. So stellte er weitere Versuche mit der von ihm nach der Stadt Nancy benannten N-Strahlung an und entdeckte immer neue Zusammenhänge und Auswirkungen. Selbst die Intensität der Sehwahrnehmung des Auges schien von auftreffender N-Strahlung abhängig zu sein.

Schließlich veröffentlichte er seine Beobachtungen in einer angesehenen wissenschaftlichen Fachzeitschrift und machte so andere Forscher auf das Phänomen aufmerksam, die wiederum eigene Versuche anstellten und Blondlots Ergebnisse bestätigten.

Ebenfalls um die Jahrhundertwende wurden Röntgenstrahlung und Radioaktivität entdeckt. So lag es zunächst nahe, dass es auf dem Gebiet der Strahlungsforschung weitere Entdeckungen zu machen gab. Die Hoffnung, ebenfalls auf ein weltbewegendes Phänomen zu stoßen, trieb besonders in Frankreich zahlreiche Forscher an.

Es gab jedoch auch kritische Stimmen. Einige Physiker außerhalb Frankreichs konnten bei Replikationen von Blondlots Versuchen keine Effekte feststellen, was schließlich zu Mutmaßungen führte, nur Franzosen wären in der Lage, die minimalen, von der N-Strahlung hervorgerufenen Helligkeitsänderungen wahrzunehmen.

Schließlich nahm sich der US-amerikanische Experimentalphysiker Robert Williams Wood der Sache an und wohnte einem Experiment bei. Im Magazin Nature beschrieb er seine Vorgehensweise wie folgt:

The first experiment which it was my privilege to witness was the supposed brightening of a small electric spark when the n-rays were concentrated on it by means of an aluminium lens. The spark was placed behind a small screen of ground glass to diffuse the light, the luminosity of which was supposed to change when the hand was interposed between the spark and the source of the n-rays.
It was claimed that this was most distinctly noticeable, yet I was unable to detect the slightest change. This was explained as due to a lack of sensitiveness of my eyes, and to test the matter I suggested that the attempt be made to announce the exact moments at which I introduced my hand into the path of the rays, by observing the screen. In no case was a correct answer given, the screen being announced als bright and dark in alternation when my hand was held motionless in the path of the rays, while the fluctuations observed when I moved my hand bore no relation whatever to its movements.

Das erste Experiment, das ich beobachten durfte, war das vermeintliche Aufhellen eines kleinen elektrischen Funkens, wenn die N-Strahlen mithilfe einer Aluminiumlinse darauf konzentriert wurden. Der Funke wurde hinter einem kleinen Schirm aus Mattglas platziert, um das Licht zu streuen. Die Helligkeit sollte sich verändern, wenn die Hand zwischen den Funken und die Quelle der N-Strahlen gebracht wurde. Es wurde behauptet, dass dies sehr deutlich erkennbar sei, aber ich konnte nicht die geringste Veränderung feststellen. Dies wurde darauf zurückgeführt, dass meine Augen nicht empfindlich genug seien. Um die Angelegenheit zu überprüfen, schlug ich vor, die genauen Momente anzukündigen, zu denen ich meine Hand in den Weg der Strahlen brachte, indem man den Schirm beobachtete. In keinem Fall wurde eine korrekte Antwort gegeben. Der Schirm wurde abwechselnd als hell und dunkel bezeichnet, wenn meine Hand regungslos im Strahlenweg verharrte, während die beobachteten Schwankungen, als ich meine Hand bewegte, keinerlei Beziehung zu ihren Bewegungen hatten.

Wood tat also, was ein guter Wissenschaftler tun sollte und führte eine Verblindung ein. Die Beobachter sahen nicht, ob und wie Wood seine Hand bewegte. Ein weiteres verblindetes Expermiment mit einem Prisma führte zu ähnlichen Ergebnissen.

Sein Fazit:

I am obliged to confess that I left the laboratory with a distinct feeling of depression, not only having failed to see a single experiment of a convincing nature, but with the almost certain conviction that all the changes in the luminosity or distinctness of sparks and phosphorescent screens are purely imaginary.

Ich muss zugeben, dass ich das Labor mit einem klaren Gefühl der Enttäuschung verlassen habe. Nicht nur, dass es mir nicht gelungen ist, ein einziges überzeugendes Experiment zu sehen, sondern auch mit der fast sicheren Überzeugung, dass alle Veränderungen in der Helligkeit oder Deutlichkeit von Funken und phosphoreszierenden Bildschirmen rein imaginär sind.

Nach dieser Veröffentlichung ließ das Interesse an N-Strahlen deutlich nach. Die meisten Wissenschaftler wandten sich von diesem Thema ab. Bereits zwei Jahre später erschienen keine weiteren Veröffentlichungen mehr dazu.

Es ist leicht, der Versuchung zu verfallen, gewünschte Ergebnisse zu bevorzugen. Eine fehlende Verblindung bei Expermimenten begünstigt diesen Effekt.

Bei Blondlot und vielen seiner Kollegen hat der Bestätigungsfehler zugeschlagen, die Neigung, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie die eigenen Erwartungen bestätigen.

 

Auszug aus Ware Hoffnung, Kapitel 18 „Kompetenz“:

»Klare Sache«, meinte Ricardo. »Aber so was wird unter Wissenschaftlern kaum vorkommen.«

»Sag das nicht!«, widersprach Ragnar. »Es gab einen interessanten Fall in Frankreich, um 1900. Ein Physiker in Nancy hatte einige Versuche angestellt und dabei scheinbar eine geheimnisvolle Strahlung entdeckt. Einige Zeit zuvor hatte man in Deutschland die Röntgenstrahlung erforscht und der Ehrgeiz in anderen Ländern war groß, dieser eine ebenso bahnbrechende Entdeckung entgegenzustellen. Dieses N-Strahlung genannte Phänomen wurde also umfangreich untersucht, viel darüber geschrieben, Hypothesen aufgestellt und überprüft und man kam zu allerlei Ergebnissen. Einen Haken gab es allerdings: Die Strahlung ließ sich nur mit dem Auge erkennen, als leichtes Glühen eines speziellen Detektors. Noch erstaunlicher: Nur französische Wissenschaftler waren in der Lage, diesen optischen Effekt wahrzunehmen. Diese schlossen daraus, dass Kollegen aus anderen Ländern offensichtlich nicht über die notwendige Sehkraft verfügten.«

Ragnar machte eine kurze Pause, um Ricardos verwirrten Blick zu genießen.

»Schließlich schaute sich ein amerikanischer Wissenschaftler die Angelegenheit an, um für ein großes Wissenschaftsmagazin darüber zu schreiben. Dieser verfügte über einige Erfahrung im Debunking, also darin, augenscheinlich unerklärliche Phänomene zu entzaubern. Mit einem Trick klärte er das Rätsel auf: Ein im Messaufbau befindliches Prisma drehte er so, dass die anwesenden französischen Kollegen eine Veränderung am Detektor hätten erkennen müssen, sofern es sie denn gab. Schließlich entfernte er das Prisma heimlich, was aber nichts an der Erkennungsrate änderte. Die ganze Sache war demnach eine große, kollektive Selbsttäuschung. Wunschdenken.«

 

Links:

 

Eine Frage der Ökonomie: Ockhams Rasiermesser

Di, 22.08.2023

Vor einigen Jahren hatte ich das Vergnügen, einer Online-Diskussion über Kornkreise beizuwohnen. Einige Teilnehmer der Diskussion waren fest überzeugt, dass diese Kreise nur von Außerirdischen erzeugt werden können. Also habe ich auf das Sparsamkeitsprinzip oder Ockhams Rasiermesser hingewiesen. Schnell erklärte mir jemand, dass demnach ja die einfachste Erklärung richtig sein müsse. Und Außerirdische schienen ihm die einfachste Erklärung zu sein, denn ein so perfektes Gebilde wie ein Kornkreis ließe sich von Menschen nur mit einem enormen technischen und logistischen Aufwand innerhalb einer Nacht anfertigen.

Doch genau das ist nicht Wilhelm von Ockhams (1288–1347) Aussage. Vielmehr versuchte er darauf hinzuweisen, dass bei der Suche nach einer möglichen Erklärung für ein Phänomen möglichst wenige Zusatzbedingungen (Entitäten) eingeführt werden sollen, für die wiederum Erklärungen erforderlich sind.

Schauen wir uns das am Beispiel der Kornkreise an.

Erklärung 1: Ein paar Leute sind mit Brettern, Seilen und Pflöcken über den Acker gestampft.

Erklärung 2: Bisher unbekannte Gravitationswirbel haben das Getreide in einer bestimmten Form zu Boden gedrückt.

Erklärung 3: Intelligente Außerirdische, die in der Lage sind, überlichtschnell riesige Entfernungen zu überwinden, wollen uns eine Botschaft zukommen lassen und haben sich dafür entschieden, mit Hilfe eines unbekannten Prozesses Formen auf unsere Felder zu malen.

So aufgelistet, ist die Präferenz schon erkennbar. Selbst wenn wir argumentieren, dass einfache Werkzeuge nicht genügen, um komplexe Kornkreisformen zu erzeugen, können wir relativ einfache Zusatzbedingungen einführen, etwa die Verwendung eines GPS-Empfängers für die genaue Positionierung der Ornamente oder eines Multicopters, um das Ergebnis zu kontrollieren.

Die Gravitationsanomalie erscheint wie eine einfache Lösung, aber setzt voraus, dass solche Wirbel bereits bekannt sind und dass sie in der Lage sind, Getreide an diesem Ort und in dieser speziellen Form zu zerknicken. Da ein derartiges Phänomen bisher nicht beobachtet wurde, müssen wir dafür eine ganz neue Theorie aufstellen.

Im Falle der Außerirdischen ist die Liste der Zusatzbedingungen schier endlos.

Ockhams Rasiermesser bedeutet allerdings auch nicht, dass die Lösung mit den wenigsten Zusatzbedingungen richtig sein muss. Wir können uns jedoch eine Menge Arbeit sparen, wenn mit mit dieser Lösung anfangen und sie genauer auf Plausibiliät untersuchen. Erweist sich die Hypothese nach wissenschaftlichen Kriterien als brauchbar und belastbar, können wir alle aufwändigeren Hypothesen verwerfen.

Es geht also schlicht darum, kognitive Energie zu sparen. So macht kritisches Denken das Leben einfacher.

 

Auszug aus Ware Hoffnung, Kapitel 12 „Werkzeug“:

»Aber wie kann ich denn erkennen, ob es sich bei solchen Geschichten um eine Tatsache oder eine kreative Erzählung handelt?«, wollte Ricardo wissen.

»Du kannst es eigentlich nie völlig zweifelsfrei wissen. Das heißt aber nicht, dass alles gleichermaßen möglich und wahrscheinlich ist. Wenn du nicht vorhast, alles über das jeweilige Thema zu lernen, um dir ein solides Urteil bilden zu können – wobei du selbst dann nicht hundertprozentig sicher sein kannst – dann musst du erst einmal andere Methoden anwenden. Ockhams Razor ist für den Anfang ganz nützlich.«

»Und was kann dieses Rasiermesser alles?« hakte Ricardo nach.

»Nehmen wir einen der Fälle, die du erwähnt hast. Da behauptet jemand, aus Gravitationskraft, aus der Erdanziehung, Energie erzeugen zu können. Die Physik sagt: Das geht nicht, weil Gravitation ein konservatives Feld ist. Du kannst Energie in ein Objekt stecken, indem du es hochhebst. Wenn es dann herunterfällt, gibt es genau diese Energie wieder ab. Die Summe ist null. Jetzt kommt jemand und erzählt, er habe aber doch eine Möglichkeit gefunden und eine Maschine gebaut, die von der Schwerkraft angetrieben wird. Die hat er in seinem Keller stehen und nach uralten Plänen konstruiert, die zwar streng geheim sind, aber irgendwo im Internet auf einer bunten Seite mit vielen Rechtschreibfehlern zum Verkauf angeboten werden. Vorführen kann er die Maschine nicht, weil noch ein wichtiges Bauteil fehlt, das leider zufällig nicht lieferbar und außerdem das Quantenfeld gerade nicht in Resonanz ist. Und niemand vor ihm hat es bisher gewagt, so eine Maschine zu bauen, weil man dann sofort bedroht oder gar ermordet würde. Außerdem hätten sich Wissenschaftler an dieses Geheimnis nicht herangetraut, weil sie um ihre Reputation fürchteten.«

»Ja, so ungefähr sehen diese Geschichten aus«, bestätigte Ricardo.

»Gut«, fuhr Ragnar fort. »Jetzt stellst du einfach die Menge der notwendigen Erklärungen beider Seiten nebeneinander. Du machst eine Liste, was für und was gegen diese Behauptung spricht. Links steht: Der Typ spinnt. Rechts steht: Eine weltweite Verschwörung sorgt seit Jahrhunderten dafür, dass dieses Wissen geheim geblieben ist. Die gesamte Physik ist ein einziger Irrtum, was aber ebenfalls verschwiegen werden muss, um Aufstände zu verhindern und die Menschheit dumm zu halten. Alle Physiker, Lehrer, Konzernchefs und Regierungen sind eingeweiht, verheimlichen aber die Wahrheit. Nur die Leute von der bunten Website haben davon erfahren und verkaufen dieses Wissen nun für neunundneunzig fünfzig Vorkasse als dreiseitige PDF-Datei. Natürlich anonym, weil sie sonst ebenfalls um ihr Leben fürchten müssten.«

»Na gut, ich sehe, wo das hinführt«, nickte Ricardo. »Gesunder Menschenverstand.«

»Nein, eben nicht«, widersprach Ragnar. »Der ist ja nicht allgemeingültig, weil er bei jedem Menschen zu einem anderen Ergebnis führt, je nach Prägung, Bildung, Erwartung, Intuition und weiteren Faktoren. Was du brauchst, ist etwas, das möglichst unabhängig von der eigenen Wahrnehmung ist. Ich behaupte nicht, dass du damit zur endgültigen Wahrheit findest. Das geht überhaupt nicht. Aber so gewinnst du einen Wahrscheinlichkeitswert, von dem aus du dich weiter orientieren kannst. Heuristik ist das Stichwort. If it sounds too good to be true, it probably is, in Kurzform. Wörtlich heißt es: Von mehreren möglichen hinreichenden Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen«, erklärte Ragnar und fuhr fort:

»Ja, vielleicht gibt es diese riesige Verschwörung, wie es schon viele Verschwörungen gab. Es sieht eben nur nicht danach aus, weil die Erklärung zwingend eine große Menge gesicherten Wissens für ungültig erklären würde und unzählige Nebenbedingungen erfordert. Es ist einfach extrem unwahrscheinlich. Letztendlich ist es eine Frage der Ökonomie. Die komplizierte Variante verursacht einen enormen Aufwand, wird dich aber voraussichtlich nicht zum Ziel bringen. Deshalb musst du sie aber trotzdem nicht vollständig ablehnen. Du legst sie einfach beiseite und beschäftigst dich mit Dingen, die dir plausibler erscheinen. Ich vermute, auch dein Chef dürfte das zu schätzen wissen.«

»Oh ja, tut er«, grinste Ricardo. »Sehr sogar.«

 

Links:

Wikipedia: Ockhams Rasiermesser

Psiram: Kornkreis

GWUP-Blog: Kornkreise und Paranormales: Ist die GWUP gegen alles?

Alle doof außer ich – Der Dunning-Kruger-Effekt

So, 13.08.2023

Hast du dich heute schon über völlig unfähige Politiker oder deinen inkompetenten Chef aufgeregt? Bist du auch davon überzeugt, dass du das alles wesentlich besser hinbekommen würdest? Dann hast du möglicherweise gerade den Dunning-Kruger-Effekt beobachtet. Bei dir selbst.

Auch ohne sich viel mit kritischem Denken beschäftigt zu haben, ist vielen Menschen der Begriff Dunning-Kruger schon mal begegnet, meistens in irgendwelchen Diskussionen im Internet.

Allerdings gibt es da ein gewaltiges Missverständnis. Denn dieser Effekt, nach dem Psychologen David Dunning und seinem Doktoranden Justin Kruger benannt, ist nicht in erster Linie das, was man bei anderen Menschen beobachtet. Wir selbst sind diese Individuen, die wir unsere eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie unser Wissen gnadenlos überschätzen. Niemand ist davor sicher.

Definition: Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt die Unfähigkeit, die eigene Kompetenz (auf einem bestimmten Gebiet) realistisch einzuschätzen, mit der häufigen Konsequenz, die eigenen Fähigkeiten oder Kenntnisse zu überschätzen.

Das leuchtet ein. Wenn ich nicht weiß, was ich nicht weiß, kann ich auch schlecht einschätzen, welches Wissen notwendig wäre, um einen Sachverhalt richtig einzuschätzen.

Die folgende Grafik zeigt den Zusammenhang zwischen dem Ergebnis eines Tests, der eigenen Einschätzung des erwarteten Testergebnisses sowie der Wahrnehmung der eigenen Kompetenz.

Auffällig ist, dass vor allem die kompetentesten Personen dazu neigen, ihre Fähigkeiten zu unterschätzen, während die beiden unteren Viertel sich teils deutlich überschätzen. Dieser Effekt wurde inzwischen in mehreren Studien beobachtet. Die deutsche Wikipedia nennt folgende Merkmale des Dunning-Kruger-Effekts:

Weniger kompetente Personen

  • neigen dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen
  • erkennen überlegene Fähigkeiten bei anderen Personen nicht an
  • sind nicht in der Lage, das Ausmaß ihrer eigenen Inkompetenz zu erkennen
  • können durch Bildung oder Übung nicht nur ihre Kompetenz, sondern auch ihre Fähigkeit, sich selbst besser einzuschätzen, steigern.

Im „Skeptics Guide to the Universe“ verwendet der Autor Steven Novella den Begriff  „neuropsychologische Demut“. Das Bewusstsein über die eigene kognitive Unzulänglichkeit gehört dazu.

Was hilft also, nicht als typischer Vertreter des Dunning-Kruger-Effekts unangenehm aufzufallen? Alleine das Bewusstsein, dass wir uns in den meisten Fällen irgendwo im unteren Viertel der obigen Grafik befinden, kann uns schon vor Selbstüberschätzung bewahren. Nur dann können wir gegensteuern und unser tatsächliche vorhandenes Wissen in einem Fachgebiet systematisch in Frage stellen. Echte Experten in einem bestimmten Bereich sind gewöhnlich Experten, weil sie sich viele Jahre intensiv mit einem Thema beschäftigt haben. Das so erlangte Wissen lässt sich eben nicht in einem kurzen Youtube-Video vermitteln.

 

Auszug aus Ware Hoffnung, Kapitel 18 „Kompetenz“

Ragnar saß bereits an einem der kleinen Tische und nippte an einem grünlichen, sprudelnden Getränk, als Ricardo das Café betrat. Ragnar war einfach immer zuerst da, wenn man sich mit ihm verabredete. Vielleicht lag es schlicht daran, dass Ricardo die vereinbarte Uhrzeit eher als lockere Empfehlung ansah und das Haus erst verließ, wenn es wirklich knapp war.

Nachdem beide einige unterhaltsame Erinnerungen vom vergangenen Abend ausgetauscht hatten, kam Ricardo auf das Thema zu sprechen, das ihn gerade am meisten beschäftigte: wie sich echte Wissenschaft von Pseudowissenschaft unterscheiden ließe.

»Weißt du, Ragnar«, begann er, »wenn ich Diskussionen zu naturwissenschaftlichen Themen lese, tauchen grundsätzlich Leute auf, die mit felsenfester Überzeugung irgendwas behaupten und dann wiederum andere, die ebenso selbstsicher das Gegenteil erzählen. Ich sitze dann gewöhnlich etwas orientierungslos davor und wundere mich, wie man ein derartiges Selbstbewusstsein an den Tag legen kann, obwohl eine der Positionen doch offensichtlich falsch sein muss.«

»Sind das denn Fachleute, die da diskutieren? Wissenschaftler?«, fragte Ragnar.

»Schwer zu erkennen«, antwortete Ricardo, »in den meisten Fällen wohl nicht. Der Diskussionsstil spricht eher dagegen.«

»Dann hast du vermutlich den Dunning-Kruger-Effekt in freier Wildbahn beobachtet«, erklärte Ragnar.

»Der beschreibt die Unfähigkeit, die eigene Kompetenz realistisch einzuschätzen. Wer nichts weiß, hält sich eher für kompetent als jemand mit umfangreichem Fachwissen. Letztgenannte Personen unterschätzen sich eher.«

 

 

Links:

Wikipedia (de): Dunning-Kruger-Effekt

futurezone: Ahnungslos und stolz darauf

Ratgeber-News-Blog: Der missverstandene Dunning-Kruger-Effekt

Justin Kruger and David Dunning: Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One’s Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments

Wünschelrute und Pendel – Der Carpenter-Effekt

Fr, 11.08.2023

Kürzlich hatte ich wieder eine dieser merkwürdigen Diskussionen:

„Ich kenne da einen Brunnenbauer, der findet mit der Wünschelrute jede Wasserader. Das klappt immer!“

Was antwortet man da am besten? Ich habe mich darauf beschränkt, dass man bei uns fast überall Wasser findet, wenn man ein Loch in den Boden bohrt und deshalb die Trefferquote des feinsinnigen Brunnenbauers naturgemäß sehr hoch ist. Tiefer wollte ich in das Thema nicht einsteigen.

Aber warum sind Rutengänger davon überzeugt, zwei Drahtstücke ließen sich irgendwie vom Wasser so beeindrucken, dass sie anfangen zu zucken?

Dahinter steckt wieder einmal eine Selbsttäuschung. Diesmal ist es aber nicht direkt die Wahrnehmung über die Sinne, die uns veralbert, sondern unsere Muskeln. Die können nämlich kleinste Bewegungen ausführen, ohne dass wir das merken. Diese unbewussten Aktionen führen dazu, dass ein Pendel in einer bestimmten Richtung schwingt, die Wünschelrute ausschlägt oder der Finger auf dem Ouija-Board ein bestimmtes Buchstabenfeld ansteuert.

Die Bewegungen führen dabei zu einem erwünschten Ergebnis, das uns aber nicht unbedingt bewusst sein muss. Im Falle der Wünschelrute können das äußere Einflüsse sein, etwa eine bestimmte Vegetation oder andere Merkmale der Umgebung. Rutengänger sind sich allerdings sehr sicher, dass sie das Ergebnis nicht selbst beeinflussen.

Aber wie können wir wissen, dass es nicht doch eine unbekannte, mystische Kraft gibt, die Rute, Pendel etc. beeinflusst? Zunächst hilft da Ockhams Rasiermesser, also die Methode, unter vielen möglichen Erklärungen jene mit den wenigsten notwendigen Nebenbedingungen zu bevorzugen. Der ideomotorische Effekt oder Carpenter-Effekt ist bekannt und gut erforscht. Das macht andere Erklärungen weitgehend überflüssig, besonders wenn diese allem widersprechen, was wir über die Natur wissen. Erdstrahlen und Wasseradern zu erfinden ist schlicht nicht notwendig.

Sollte man das Phänomen Rutengehen trotzdem weiter erforschen? Natürlich, das wird ja auch gemacht. Die GWUP etwa hat in unzähligen verblindeten Versuchen und unterschiedlichen Settings mit Probanden, die auf die ausgelobten 10.000 Euro hofften, deutlich gezeigt, dass unter kontrollierten Bedingungen von den angeblichen Fähigkeiten nur Zufallstreffere übrig bleiben.

Natürlich könnten wir lächelnd darüber hinwegsehen, dass es trotzdem Menschen gibt, die fest an solche übernatürlichen Fähigkeiten glauben. Spätestens, wenn dadurch eine Gefahr für Leib und Leben besteht, ist es jedoch mit dem Spaß vorbei. Etwa dann, wenn Heilpraktiker und andere Scharlatane behaupten, mit Hilfe von Pendeln oder Tensoren ernsthafte gesundheitliche Diagnosen stellen zu können.

Unter der Bezeichnung ADE 651 vermarktete ein britischer Geschäftsmann ein wünschelrutenartiges Gerät, das beim Aufspüren von Sprengstoffen helfen sollte. Für bis zu 40.000 Euro wurden diese Apparate unter anderem an Polizei und Militär im Irak verkauft. Der Chef des Unternehmens, Jim McCormick, wurde später wegen Betruges zu 10 Jahren Haft verurteilt.

In solchen Fällen kann kritisches Denken Leben retten. Vielleicht hätte aber auch ein Blick auf das Innenleben dieser Geräte schon geholfen.

 

 

Links:

Psiram: ADE 651

Psiram: Biotensor

Psiram: Ouija

Wikipedia: Carpenter-Effekt

Tagesspiegel: Dr. Rainer Wolf u.a. über die PSI-Tests der GWUP

PSI-Tests 2017 der GWUP: Die geheime Kraft der Wünschelrute ließ zu wünschen übrig

Esoterik für Männer: Der Magnetmotor

Sa, 05.08.2023

An meine ersten Experimente mit Magneten kann ich mich noch gut erinnern. Mein Vater brachte mir diese schwarzen Magnetstreifen mit, die in Kühlschranktüren verbaut sind. Je nachdem, wie man sie hält, ziehen sie sich an oder stoßen sich ab. Diese Kräfte sollten sich doch irgendwie nutzen lassen und so versuchte ich, Magnetstücke kreisförmig auf einer Scheibe anzuordnen und in eine Drehbewegung zu versetzen.

Das funktionierte natürlich nur so lange, wie ich einen weiteren Magneten am Rand der Scheibe bewegte. Eine völlig selbsttätige Bewegung war so nicht zu erreichen, wie ich bald feststellte.

Diese Erkenntnis hatten viele erwachsene Menschen bis heute nicht und so ist diese Konstruktion immer noch ein beliebtes Geschäftsmodell, um Leute mit mehr Geld als Hirn von ihrem Ersparten zu trennen.

Die ersten Aufzeichungen über eine derartige Konstruktion stammen aus dem Jahr 1269 von Petrus Peregrinus de Maricourt, der ein Rad beschrieb, das sich nur durch die Kraft von Permanentmagneten dauerhaft drehen sollte. Möglicherweise war das einfach nur ein Gedankenexperiment, das aber bis heute in Freie-Energie-Kreisen als Beweis gewertet wird, dass ein magnetbasiertes Perpetuum mobile funktionieren kann. Magnetismus ist, ebenso wie Gravitation, eine konservative Kraft. Es ist also nicht möglich, aus einem solchen Feld dauerhaft Energie zu ziehen.

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Das kann kein Zufall sein!
Hyperactive Agency Detection

Do, 03.08.2023

Wenn ich mir als Kind den Kopf am Tisch gestoßen habe, war klar, dass der Tisch „böse“ ist. Ich habe dem Möbel eine Absicht unterstellt, mich  schädigen zu wollen. Nicht nur bei unseren frühen Vorfahren, nein, auch heute ist der erste Impuls, wenn irgendwas passiert, dafür jemanden oder etwas verantwortlich zu machen.

Das kann ein Unwetter sein, mit dem die gerade moderne Gottheit die Menschheit strafen will, ein Ernteausfall, für den eine verfeindete Gruppe verantwortlich gemacht wird oder, als aktuelleres Beispiel, ein Erdbeben, das sicher von dunklen Mächten via HAARP-Hochfrequenzstrahlung ausgelöst wurde. Und die Corona-Pandemie kann nach dieser Denkweise nicht einfach eine Folge unglücklicher Ereignisse sein, sondern muss von böswilligen Akteuren absichtsvoll herbeigeführt worden sein.

Unser Steinzeitgehirn unterteilt die Umwelt in Akteure und Objekte. Akteuren wird eine Absicht unterstellt, Objekten nicht. Dabei müssen Akteure nicht unbedingt belebt sein. Unser Plüschtier etwa haben wir als Akteur wahrgenommen, vielleicht sogar mit ihm geredet, auch wenn uns klar war, dass es nicht lebendig ist.

Ein Blick in die Evolution zeigt uns, dass es durchaus vorteilhaft war, so zu denken. Wenn unsere Vorfahren zunächst davon ausgingen, dass das Geräusch im Gebüsch von einem Feind oder einem Raubtier stammt, war genug Zeit, um wegzulaufen und sich in Sicherheit zu bringen. Jene Individuen, die zunächst untersuchen wollten, ob es sich nicht doch um eine harmlose Ursache handelt, hatten auf lange Sicht geringere Reproduktionschancen. Einen ähnlichen Effekt kennen wir bereits von der Pareidolie.

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Mustererkennung außer Kontrolle: Apophänie und Pareidolie

Mo, 31.07.2023

In meinem ersten Kinderzimmer war die Wand gegenüber meinem Bett mit einer Rennauto-Tapete beklebt. Wenn es dunkel wurde, erwachte die Tapete zum Leben, bekam Augen, Münder, teils gefährlich dreinblickende Fratzen. Über die bedrohlichsten Stellen habe ich dann selbstgemalte Bilder gehängt. Aber die Angst vor den Tapetenmonstern ging nicht weg.

Unsere frühen Vorfahren hatten einen evolutionären  Vorteil, wenn sie selbst dort Gefahren sahen, wo objektiv keine vorhanden waren. Vielleicht gab es auch Individuen, die etwas skeptischer waren und zunächst genau untersuchen wollten, ob der Schatten im Gebüsch ein Felsen oder ein Raubtier ist. Von denen stammen wir höchstwahrscheinlich nicht ab.

Unser Gehirn ist eine Bedeutungssuchmaschine. Ständig versuchen wir, Sinn und Zusammenhänge in all den sensorischen Eindrücken zu erkennen, die auf uns einprasseln. Das kann harmlos und schön sein, wie die nette Beschäftigung, im Gras liegend Figuren in Wolkenformationen zu erkennen. Aber eine übermotivierte Mustererkennung kann auch Ängste auslösen, Fehlentscheidungen triggern oder zur Entstehung von Verschwörungstheorien beitragen.

Der allgemeine Fachbegriff für das Phänomen, dort Muster zu erkennen, wo es keine oder nur zufällige Zusammenhänge gibt, ist Apophänie. Dabei geht es nicht nur um optische Eindrücke. Wir neigen dazu, etwa in Zahlenreihen bestimmte Muster zu suchen und zu erkennen oder völlig unzusammenhängende Ereignisse mit einer Bedeutung aufzuladen. Diesen Wahrnehmungen können wir uns nicht vollständig entziehen. Wissen wir aber darüber Bescheid, hilft uns das, die Ergebnisse besser zu bewerten und Zufall als solchen zu erkennen.

Die Pareidolie dagegen lässt sich sogar willentlich steuern. Wir können einen scheinbar unförmigen Fleck auf der Straße so lange anschauen, bis unsere Fantasie daraus ein Geschöpf entstehen lässt. Die Künstlerin krajamine (@krajamine@norden.social auf Mastodon) zeigt das eindrucksvoll in ihren Werken unter dem Hashtag #pareidoodle:

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Die unzuverlässige Wahrnehmung

So, 30.07.2023

Warum faszinieren uns Zauberkünstler, warum sind wir anfällig für Verschwörungstheorien, trauen den Sternen zu, unser Schicksal zu bestimmen, warum glauben wir, Zuckerkugeln seien Medizin, reden mit unsichtbaren, allmächtigen Fantasiewesen und Verstorbenen oder fallen auf Betrüger herein? Weil unser Gehirn so funktioniert, dass wir uns leicht täuschen lassen. Das kritische Denken ist eine Methode, die Auswirkungen dieser Täuschungen zu reduzieren und sie frühzeitig zu erkennen.

Ein wichtiger Aspekt des kritischen Denkens ist es, sich der Unzulänglichkeiten der eigenen (!) Wahrnehmung bewusst zu werden. Diese Unzulänglichkeiten gehen übrigens nicht weg, wenn man kritisches Denken trainiert. Aber es ist hilfreich, um damit besser umgehen zu können. Wir können nicht verhindern, getäuscht zu werden, aber wir können erkennen, wenn das passiert und uns so vor unerwünschten Konsequenzen schützen. Sich damit auseinanderzusetzen und die eigenen Grenzen immer besser kennen zu lernen, ist ein lebenslanger Prozess.

Das Ziel ist, sich einen kleinen inneren Supervisor heranzuzüchten, welcher das eigene Verhalten und den Umgang mit Sinneseindrücken überwacht und der im Zweifelsfall darauf hinweist, dass unser Gehirn gerade Dinge erfindet, die nichts mit der Realität zu tun haben.

Ein anschauliches Beispiel für diese Wahrnehmungsverzerrungen sind optische Täuschungen. Unser Sehapparat entspricht nicht einer Kamera, die optische Sinneseindrücke originalgetreu abbildet. Das  eher unzulänglich arbeitende Auge selbst ist schon nicht in der Lage, ein großflächiges, fehlerfreies Bild an das Gehirn zu senden. Die Ränder sind unscharf, in dem Bereich der Netzhaut, an dem das Sehnervenbündel ins Gehirn führt, fehlen Informationen, wir sehen vergleichsweise wenige Farben, die Auflösung ist gering und so werden nur optische Bildschnipsel an das Gehirn übermittelt, dort mit Erfahrungen, Erwartungen, Erinnerungen und anderen aktuellen Wahrnehmungen kombiniert und dann daraus ein Bild zusammengeklöppelt, das vielleicht teilweise der Realität entspricht.

Zu optischen Täuschungen gibt es viele prominente Beispiele. Dieses Bild zeigt, was unsere Wahrnehmung unter bestimmten Umständen aus völlig geraden und parallel verlaufenden Linien macht:

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Die Sache mit dem Wasserauto

Mi, 26.07.2023

Einer der ersten Freie-Energie-Scams, die mir über den Weg gelaufen sind, war das Wasserauto. Das muss ca. 2003 gewesen sein. Zeitungen berichteten über einen Erfinder, der sein Auto nur mit Wasser betankt. Auto-Bild schickte sogar mehrmals Reporter nach Manila, um das Wunderwerk zu besichtigen, probezufahren und den Fortschritt der Entwicklung zu dokumentieren.

Die behauptete Funktionsweise eines Wasserautos sieht so aus:

Mit Hilfe der Batteriespannung wird ein Elektrolysator betrieben, der gewöhnliches Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufspaltet. Dieses Gemisch, in der Szene oft HHO oder Browns Gas genannt (in Wirklichkeit gewöhnliches Knallgas), wird dem Verbrennungsmotor als Treibstoff zugeführt. Über die Lichtmaschine wird die Batterie, genauer der Akkumulator, ständig aufgeladen.

Mir kamen die Behauptungen damals sofort sehr seltsam vor. Bei der Verbrennung des Knallgases entsteht Wasser. Also wäre es, glaubt man den Wassertoff-Tüftlern, doch kein Problem, dieses einzufangen und wieder in den Tank zu leiten. Schon hätten wir eine immerwährende Maschine, ein Perpetuum mobile, das ohne Zufuhr von Energie funktioniert und dabei auch noch Arbeit verrichten kann. Der Wirkungsgrad wäre also größer als 100%.

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Der erste Roman – und ein Blog dazu

Mi, 05.07.2023

Ein eigenes Buch schreiben – den Wunsch hatte ich schon ungefähr seit ich lesen kann. Vor vielen Jahren hatte ich einen Anfang gemacht, es sollte ein Reiseroman werden, aber dann waren andere Dinge wichtiger und so blieb das angefangene Manuskript liegen und verschwand irgendwann mitsamt der 5¼-Zoll-Diskette, auf der es gespeichert war.

Dann ergab es sich zwar, dass ich etwas Zeit für dieses Vorhaben hatte, aber mir fiel es schwer, ein passendes Thema zu finden. Eigentlich habe ich ja nichts erlebt, worüber ich schreiben konnte und das zu einem spannenden Roman führen würde. Für ein Sachbuch dagegen fehlte mir das notwendige umfassende Fachwissen auf einem bestimmten Gebiet, so dachte ich.

Seit ca. 2006 beschäftige ich mich recht intensiv mit Pseudowissenschaften und diversen Schwurbeleien, Verschwörungstheorien und Glaubenssystemen. In verschiedenen Foren habe ich mich gemeinsam mit anderen Interessierten mit diesem Thema auseinandergesetzt, Debunking betrieben, technische Vorrichtungen analysiert, die Physik dahinter verstanden und Erklärungen herausgearbeitet, warum etwas nicht funktionieren kann. Das macht eine Menge Spaß und ist lehrreich. Oft ging es dabei um „Freie Energie“, einen Begriff, der im Prinzip ein Perpetuum mobile beschreibt. Da sich aber allgemein herumgesprochen hat, dass Energie nicht aus dem Nichts entsteht, werden fantasievolle und geheimnisvolle Quellen ins Spiel gebracht, um diese Lücke zu füllen.

Nun tummeln sich in dieser Freie-Energie-Szene aber nicht nur verwirrte Bastler, sondern auch eine Menge Betrüger, die große Hoffnungen auf eine umweltfreundliche und endlose Energiequelle schüren und damit durchaus potente Geldgeber überzeugen, in eine Scheininnovation zu investieren.

Daraus sollte sich doch ein Buchthema machen lassen. Die Sache hat allerdings einen Haken: Nenne ich die Betrüger beim Namen, bezeichne ihre Aktionen als das, was sie sind, eben Betrug, habe ich sehr schnell deren bestens bezahlte Anwälte am Hals. Selbst wenn ich im Recht wäre, hätte ich ihnen kaum etwas entgegenzusetzen, da erst mal eine Menge Kosten auf mich zukämen.

So blieb also nur die Fiktion als Ausweg. Und dann ging alles ganz schnell. Die Idee zum Roman „Ware Hoffnung“ entstand in wenigen Tagen, die gesamte Handlung entwickelte sich in meinem Kopf, schnell war ein Anfang gemacht und die ersten Seiten geschrieben. Natürlich war noch einige Recherche notwendig, um trotz aller Fantasie eine faktensichere Geschichte entwickeln zu können. Ich habe die Aufzeichnungen der vergangenen Jahre durchgearbeitet, Bücher gelesen, Filme über Perpetuum-mobile-Bauer angeschaut, in den Forenarchiven gestöbert, mein Wissen in Physik und Chemie ein wenig aufgefrischt und mir Charaktere ausgedacht, die es so oder ähnlich tatsächlich geben könnte.

In diesem Blog möchte ich ein wenig über die Entstehungsgeschichte des Romans berichten, über all das, was ich seit 2006 erlebt habe, mich mit verschiedenen Pseudowissenschaften auseinandersetzen und unterhaltsame Aufklärung betreiben, hoffentlich ohne die negativen Folgen, die der Protagonist des Romans, Ricardo Torres, erleben musste.

Über Themenvorschläge in den Kommentaren freue ich mich jederzeit.